Wie ich ein Praktikum überlebe

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Wie ich ein Praktikum überlebe

Wannenbuch-Praktikantin Frances vor dem VerlagsgebäudeVon Frances Obst

Sechs Monate lang habe ich mich im Büro der Edition Wannenbuch eingenistet – und fühle mich inzwischen so wohl wie eine Badeente im Schaumbad. Aber dann stand am Freitag vollkommen unerwartet im Kalender: Letzter Tag! Nach sechs Monaten und am letzten Tag meines Praktikums fühle ich mich dazu befähigt, für alle (zukünftigen) Praktikanten einen Survial Guide zu veröffentlichen. Teil 23 (und Schluss): The ultimate guide to surviving: Praktikum.


Schritt 1: Eine Branche suchen

Vorzugsweise wurde diese Entscheidung vor Antritt des Studiums überdacht. Sorgfältig überdacht. Suchen Sie sich keinen Studiengang aus, bei dem ausnahmslos jeder fragt: „Ach, das kann man studieren? Und was macht man damit?“ Vertrauen Sie mir, ich spreche aus langjähriger Erfahrung. Und die Erklärung: „Bücher und jetzt lass mich in Ruhe“ ist anscheinend nicht ausreichend. Es hilft auch nicht unbedingt, den Gegenüber so lange böse anzustarren, bis er endlich geht. Oder wahlweise zu Staub zerfällt. Das hängt von Ihrer persönlichen Ausdauer ab. Jetzt, nach fast drei Jahren und in der Resignationsphase vor der Bachelorarbeit, ist es für mich zu spät. Ich empfehle daher, sich eine krisenfeste Branche zu suchen. Etwas mit Zukunft. Das Bestattungsgewerbe beispielsweise.

Schritt 2: Bewerbung schreiben

Heben Sie ausnahmslos alle positiven Eigenschaften Ihrer selbst hervor. Wenn Sie keine haben sollten, beschreiben Sie die Eigenschaften, die Sie gerne hätten oder an anderen schätzen. Sie haben in der Schule sechs Jahre lang Russisch lernen müssen? Und können gerade mal noch „Ja“ und „Nein“? Vollkommen egal, Sie strotzen nur so vor Fremdsprachenkenntnissen und besitzen damit wertvolle Fähigkeiten in Zeiten der Globalisierung. Erfinden Sie sich neu, lügen Sie. Die Menschen bei denen Sie sich bewerben, kennen Sie noch nicht. Das ist Ihr Vorteil! Sie können sich selbst als normaler, teamfähiger, belastbarer, kreativer, dynamischer und innovativer Mensch neu erfinden. Bis die anderen merken, dass Sie nichts davon sind, ist es hoffentlich schon zu spät.

Schritt 3: Bewerbungsgespräch

Versuchen Sie so normal wie möglich zu erscheinen. Lächeln Sie. Wenn Sie diese Art der menschlichen unterschwelligen Kommunikation bisher nicht beherrschen sollten, lernen Sie sie eben. Sie müssen nur etwa 30 Sekunden lang lächeln, bevor ihr Gehirn auf den Trichter kommt, dass Sie tatsächlich fröhlich sind. Und nicht unter enormen Stress stehen und versuchen nicht zu laut zu atmen. Lassen Sie Ihre merkwürdigen Hobbys außen vor, wenn Sie nicht explizit danach gefragt werden. Es ist nur zu Ihrem eigenen Besten.

Schritt 4: Akklimatisieren

Beobachten Sie Ihre Kollegen in ihrem natürlichen Lebensraum genau, um ihre Gewohnheiten kennenzulernen. Verorten Sie die wichtigsten Eckpunkte Ihrer neuen Arbeitsstätte. Dazu gehören: Toilette, WLAN-Passwort, Kaffeemaschine und Mikrowelle.

Fragen Sie niemanden! Es könnte sich nur als peinlich für Sie erweisen, wenn Sie Fragen stellen. Damit könnten Sie zugeben, dass Sie mit den banalsten Dingen überfordert sind. Es kann daher passieren, dass Sie nach drei Monaten immer noch nicht wissen, wo der Lichtschalter für die Küche ist. Wenn Sie dann von einem Kollegen in der stockfinsteren Küche erwischt werden, versuchen Sie es runter zu spielen. Das ist alles gewollt. Sie wollten einfach mal Strom sparen. Natürlich wissen Sie, dass der Lichtschalter für die Küche nicht mal in der Nähe der Küche ist. Da Sie allerdings nun fast drei Monate in der dunklen Küche täglich auf Ihr Mittagessen warten, kennen Sie diesen Raum nun blind. Und eigentlich wollen Sie jetzt auch nicht mehr wissen, wie die Küche bei Licht betrachtet aussieht.

Schritt 5: Fachidiot

Sie haben vier Semester lang gelernt, geschuftet, endlose Hausarbeiten geschrieben und Vorträge zu den unmöglichsten und uninteressantesten Themen ausgearbeitet. Sie haben über Ihr eigenes Fachgebiet so viel Trivialwissen angehäuft, dass es jeden verstört, der sich zu lange mit Ihnen unterhält. Ihre Kommilitonen sind dazu übergegangen, Sie bei Fragen zu konsultieren und nicht mehr Ihre Professoren. Sie sind der Streber der Matrikel. Selbst Ihre Professoren wissen ganz genau, dass Sie kein Leben neben der Uni haben. Theoretisch wissen Sie alles. Theoretisch müssten alle Aufgaben im Praktikum ohne Fragen und Probleme zu bewältigen sein.

Praktisch… haben Sie keine Ahnung. Von überhaupt nichts. Es kann vorkommen, dass Sie aus Zufall etwas richtig machen. In diesem Fall tun Sie so aus, als hätten Sie genau gewusst, was Sie da getan haben. Sie erkennen leichte Ähnlichkeiten zu Sachverhalten wieder, an die Sie sich dunkel aus den Vorlesungen erinnern können. Sie hören in Ihrem Schädel die Worte Ihrer Professoren widerhallen, die Ihnen die Vorzüge und Beschaffenheit eben dieser Software vorbetet. Und Sie merken… in der Praxis ist es vollkommen nutzlos.

Schritt 6: Lernphase

Sie haben die grausame Einsicht gewonnen, dass Sie ein Fachidiot sind. Die Art Fachidiot über die Sie sich immer lustig gemacht haben. Aber Sie sind ja im Praktikum und das immerhin ganze sechs Monate lang. Sie sind noch jung und lernfähig, aus Ihnen kann noch etwas werden. Oder hätte werden können, wenn Sie sich eine andere Branche ausgesucht hätten.

Während dieser sechs Monate gleichen Sie einem Schwamm. Sie saugen jede neue Information auf und wachsen mit jeder Aufgabe, die Sie bewältigen können. Dieses Niveau an Lernfähigkeit hatten Sie zuletzt im Kleinkindalter erreicht, als Sie lernten zu laufen und zu reden. Grundsätzlich unterscheidet sich ein Praktikant nicht wesentlich von einem Kleinkind. Beide bemühen sich redlich, in dieser neuen Welt laufen zu lernen. Ihre Gedanken sind immer etwas ungeordnet. Daher ist es nicht immer klar, was sie ausdrücken wollen, wenn sie anfangen zu reden. Sie haben immer Hunger und möchten gerne Mittagsschlaf machen. Weinen manchmal aus ungeklärter Ursache – meist aus einer generellen Überforderung mit der Welt.

Schritt 7: erste Schritte

Sie sind nun etwa im dritten oder vierten Monat Ihres Praktikums. Sie laufen noch sehr, sehr wackelig durch diese neue Welt in der Sie alle neugierig beobachten. Sie sind das Küken, egal wohin Sie kommen. Nun ist es auch noch möglich, dass Sie nicht sonderlich groß sind – die Art von klein bei der Sie im Allgemeinen nicht mehr als klein gelten, aber immer noch nicht an die Hängeschränke im Supermarkt kommen. Es kann sein, dass die Menschen um Sie herum instinktiv damit beginnen, sich um Sie zu sorgen. Zu bemerken daran, dass Sie vermehrt gefragt werden, ob Sie etwas essen möchten, alles in Ordnung ist oder ob Sie müde sind. Insbesondere am Morgen nach Messen. Das ist der wesentliche Vorteil davon, den Status Küken zu tragen.

Der Nachteil ist: Egal wohin Sie kommen, Sie kennen niemanden. Und nun sind Sie auch noch ein introvertierter Mensch, der nicht die Fähigkeit besitzt, einfach auf andere zuzugehen und mit Ihnen zu reden. Sie versuchen, über Blicke Kontakt mit anderen Personen aufzunehmen und merken schnell – irgendwie funktioniert das nicht. Sie dackeln daher Ihren Verantwortlichen nach wie ein Küken der Henne – kein Wunder also, dass jeder Sie bemuttern möchte. Oder Sie stehen angestrengt in einer Ecke, versuchen beschäftigt zu erscheinen und hoffen darauf, dass Sie angesprochen werden. Denn das ist um einiges einfacher, als selbst eine Unterhaltung zu beginnen.

Schritt 8: Abschied

Am Anfang des Praktikums haben Sie noch gedacht: Sechs Monate! Was soll ich denn sechs Monate lang machen? Kaffee kochen? Kopien ziehen? Nun sind die sechs Monate um. Schlag auf Schlag verging die Zeit einfach und Sie haben sich perfekt eingelebt. Die Kollegen haben sich an Ihre eigenartige Interessen und Ihre generell irritierende Präsenz gewöhnt. Sie sind Teil des Rudels. Immer noch das Küken. Aber nun sind Sie das Küken des Rudels. Sie sind inzwischen sogar dazu befugt, Pakete anzunehmen. Mit Ihrem Namen für die Firma zu unterschreiben. Ein großer Schritt – wenn Sie sechs Monate zuvor Probleme hatten, den Knopf zum Einschalten des Computers zu finden. Sie rennen immer noch gelegentlich gegen die Pflanzen im Büro. Da hat weniger damit zu tun, dass diese Pflanzen sich bewegen. Als vielmehr mit Ihrer mangelnden Koordination, aber die Kollegen haben sich inzwischen daran gewöhnt und lachen nicht mehr über Sie.

Aber der letzte Tag ist gekommen und er kam viel zu schnell. An nur einem Tag versuchen Sie, alle Phasen der Trauer zu bewältigen. Sie schaffen es nicht und bleiben bei „Verleugnung“ stecken. Sie haben das gleiche merkwürdige Gefühl wie damals, als Sie ausgezogen sind und das erste Mal allein in Ihrer Wohnung saßen. Ihnen wird gesagt, dass die Zukunft nicht so gruselig ist, wie Sie sich vorstellen. Sie sind sich absolut sicher, dass sie angelogen werden. Aber dann ist schon wieder alles vorbei – und der Rest der Zukunft beginnt.

DIE AUTORIN Frances Obst studiert Buchhandel/Verlagswirtschaft an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) Leipzig und absolvierte von September 2019 bis Februar 2020 ein Praktikum bei der Edition Wannenbuch. Jede Woche schrieb sie im Wannenbuch-Blog über den Verlagsalltag und ihre Aufgaben. Alle ihre Beiträge können hier nachgelesen werden.

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