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Vom Glück, einem Buch den passenden Titel zu geben

Wannenbuch-Praktikantin Frances weiß, was Glück ist - zum Beispiel ein toller BuchtitelVon Frances Obst

Im Moment kann eine ordentliche Portion Glück nicht schaden – denn wir stehen gerade nicht nur vor einer, sondern gleich drei Herausforderungen. Wir müssen unseren drei anstehenden Neuveröffentlichungen für die Badewanne einen Namen geben. Mit etwas Glück eignen sich die Buchtitel – ansonsten reden wir einfach nicht darüber. Natürlich passen unsere Titel bei der Edition Wannenbuch thematisch (fast) immer. Wobei wir zugeben müssen, dass die Titelfindung mit jedem neuen Wannenbuch nicht leichter wird. Schließlich soll es der eine sein – der eine sie zu binden, der eine sie zu benennen, der eine, den wir guten Gewissens auf das Buchcover setzen können. Aber genau das ist gar nicht so einfach. Teil 18: Glück ist… manchmal schwer zu finden.


Die geschätzten Leser dieses Blogs werden darin übereinkommen, dass ein Titel vorzugsweise zum Buch und dessen Inhalt passen sollte. Vorzugsweise bedeutet allerdings nicht zwingend, dass sie tatsächlich dazu passen. Immerhin trägt die Biografie der Band „Die Ärzte“ auch keinen Titel wie „Punk is not dead“ sondern „Ein überdimensionales Meerschwein frisst die Erde auf“. Für einen derartig langen Titel ist auf den Covern unserer Wannenbücher kein Platz, darum müssen wir es kurz und knackig halten – und „wannenbuchig“. Ich habe diese Woche gelernt, dass dies anscheinend die offizielle interne Bezeichnung für unsere Titel ist. Steht sicherlich in der nächsten Ausgabe des Dudens. Wenn wir Glück haben, wird es irgendwann einmal Jugendwort des Jahres. Aber ich schweife ab. So einen Titel zu finden, ist gar nicht so leicht, wie viele denken. Die Erleuchtung ereilt einen nicht wie eine göttliche Fügung. Keiner von uns steht mittags vor der Mikrowelle, wartet auf sein Essen und kommt anschließend panisch ins Büro gerannt, weil ihn gerade die Vorsehung getroffen hat. Das würde natürlich um einiges spektakulärer klingen – ist es aber leider nicht. Stattdessen ist dieser geistige Prozess der Titelfindung mit sehr vielen nachdenklichen Lauten gespickt und unkonzentrierten An-die-Decke-Starren. Wir wollen nicht zu viel vom Buch und seinem Inhalt verraten – sonst bräuchte niemand das Buch zu kaufen. Kein Leser will vor einem Buch stehen, den Titel lesen und sofort jedes Detail der Geschichte wissen. Daher stehen wir jedes Mal vor der Herausforderung, einen Titel zu finden, der das Buch präzise beschreibt. Aber gleichzeitig so blumig ist, dass alles dahinter stecken könnte.

Für gar zu verzweifelte Autoren und Verleger, gibt es im Internet den heiligen Gral der Titelfindung. Einen Buchtitelgenerator. Äußerst grob beschrieben funktioniert er so: Es gibt zwei Dartscheiben. Eine mit Adjektiven, eine mit Substantiven. Ein mäßig begabter Schütze mit Augenbinde wirft zwei Dartpfeile gleichzeitig in die ungefähre Richtung der Zielscheiben. Wenn der Nutzer Glück haben sollte, bekommt er einen Titel mit Adjektiv und Substantiv. Wenn er kein Glück hat, nur eins von beiden. Aus unerklärlichen Gründen bekommt er manchmal auch ganze Sätze. Woher diese kommen, ist selbst dem Algorithmus ein Rätsel. Wenn wir diesen verwenden würden, wären unsere Wannenbuch-Titel allerdings derart kryptisch und fernab von jeglichem Inhalt oder Logik, dass eine neue Akte X-Folge daraus gedreht werden könnte. Der allseitig gebildete Leser stelle sich Mulder und Scully vor, wie sie verzweifelt in der Wanne mit unseren wasserfesten Büchern sitzen und sich keinen Reim auf diese Titel machen können. Da das Akte X-Thema erhalten bleiben muss, ist natürlich die einzig logische Erklärung, dass Außerirdische ihre Finger im Spiel haben.

Damit unsere Leser nicht genauso ratlos werden, geben wir uns wirklich große Mühe, unseren Wannenbüchern verständliche und passende Titel zu verleihen. Und spannende. Natürlich muss ein Titel auch immer neugierig machen. Die Namenszeremonie zieht ein ausgedehntes Brainstorming nach sich und zahllose Ideen, die mehr oder weniger passen. Dieses Brainstorming kann sich der Leser folgendermaßen vorstellen: Ein sehr spezifisches Detail der Geschichte wird herausgepickt. Um dieses wird der ganze Titel konstruiert. Wenn uns nach einer halben Stunde langsam die Ideen ausgehen, sehen wir im Wörterbuch nach. Ein paar der vielen Wörter passen sicher dazu. Was darauf folgt, ist die Feuerprobe. Wir googeln unseren auserwählten Titel und beten zu den Badeenten, dass niemand anderes auf diese Idee gekommen und der Buchtitel bereits vergeben ist.

Bereits vergebene Titel zu verwenden, ist immer schwierig. Je banaler der Titel ist, desto eher kann er von anderen Verlagen wiederverwendet werden – aber es zieht ständige Verwirrung nach sich. Es ist wie damals in der Schule, als zwei Leute mit dem gleichen Namen in der Klasse saßen. Entweder fühlten sich beide angesprochen oder gar keiner und die Lehrer konnten sie nie auseinanderhalten. Sollte der Titel charakteristisch sein und einen gewissen Wiedererkennungswert haben, könnten bestimmte Leute in bestimmten Positionen in anderen Verlagen eventuell verstimmt sein. Damit wir in diesem Zusammenhang keine Leute treffen müssen, die wir eigentlich nie kennenlernen wollten, befragen wir das Internet. Im Idealfall ist noch niemand auf unsere Idee gekommen. Anschließend gibt es eine Bedenkzeit von ein oder zwei Nächten, denn über so eine wichtige Entscheidung muss anständig geschlafen werden. Ich möchte hierbei darauf hinweisen, dass diese Methode nicht zwingend dazu geeignet ist, Kinder zu benennen. Für Haustiere könnte es allerdings funktionieren.

Übrigens: Was ich da so formvollendet auf die Tafel gekrakelt habe, ist ein real existierender Filmtitel. Ob der allerdings auch nur ansatzweise die Handlung des Filmes tangiert, sei dahingestellt.

DIE AUTORIN Frances Obst studiert Buchhandel/Verlagswirtschaft an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) Leipzig und absolviert derzeit ein Praktikum bei der Edition Wannenbuch. Jede Woche schreibt sie im Wannenbuch-Blog über den Verlagsalltag und ihre Aufgaben. Alle ihre Beiträge können hier nachgelesen werden.

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